Das Konzept

Index:

  • Gesetzliche Rahmenbedingungen
  • Die Zielgruppe
  • Ziele der Arbeit
  • Grundsätzliche Arbeitssituation
  • Arbeitsprinzipien
  • Einige der wichtigsten Arbeitsprinzipien detailiert

Gesetzliche Rahmenbedingungen:

 

Allgemeine Ziele von Straßensozialarbeit:

  • § 11 KJHG Jugendarbeit (1) Jungen Menschen sind die zur Förderung Ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an die Interessen der jungen Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zur gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.
  • Fachliche Weisung / Globalrichtlinie Kinder- und Jugendarbeit
  • Verbesserung der sozialräumlichen Lebenswelt
  • Erweiterung individueller Handlungskompetenz/ Selbsthilfepotential
  • Erschließung gesellschaftlicher und individueller Ressourcen
  • Vermeidung und Reduzierung sozialer und politischer Benachteiligung

Auftrag der Straßensozialarbeit:

 

Die Streetwork ist ein Arbeitsfeld der Jugendsozialarbeit. Sie grenzt sich von ihrem Auftrag und ihren Methoden ab von anderen Hilfen für Jugendliche (z.B. offene Kinder- und Jugendarbeit, Hilfen zur Erziehung). Die Straßensozialarbeit Osdorf/Lurup wendet sich in erster Linie an junge Menschen, deren zentraler Sozialisations- und Lebensort die Strasse ist. Wir arbeiten schwerpunktmäßig mit sozial benachteiligten jungen Menschen aus Einwandererfamilien im Alter von 14 bis 27 Jahren. Soziale Benachteiligung liegt vor, wenn die altersgemäße gesellschaftliche Integration nicht wenigstens durchschnittlich gelungen ist. Aufgrund der fehlenden familiären Ressourcen, der Ungleichverteilung des gesellschaftlichen Reichtums und der damit verbundenen strukturellen Armut sind junge Menschen ganz besondern in ihrer Existenz gefährdet. Diese Jugendlichen machen aus den verschiedensten Gründen von bestehenden Hilfsangeboten trotz gravierender Notlage keinen Gebrauch. Sie werden durch andere Einrichtungen kaum erreicht. Sie haben vielfältige, existentielle Probleme wie u.a. Straffälligkeit, Arbeits- und Ausbildungslosigkeit, fehlende Schulabschlüsse, Wohnungslosigkeit, Drogenkonsum, Gewaltbereitschaft, psychische und gesundheitliche Probleme, Schulden, Ärger im Elternhaus etc.. Unser Auftrag besteht darin, den Jugendlichen durch unser niedrigschwelliges Hilfeangebot Beratung, Unterstützung und Begleitung anzubieten.

 

Die Zielgruppe

 

Unsere Zielgruppe sind Jugendliche und Jungerwachsene im Alter zwischen 14 und 27 Jahren

 

Problemlagen der Zielgruppe:

    • Hohe Gewaltbereitschaft
    • Drogen, Sucht
    • Schulabbrecher, keine beruflichen Perspektiven
    • geringer Bildungsstand
    • kriminelle Auffälligkeiten
    • soziale Verelendung
    • beengte Wohnverhältnisse
    • kaum Eigeninitiative in Hinblick auf Freizeitgestaltung, Lebensplanung

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  • deviantes Verhalten (Hausverbote, Probleme im Elternhaus, mit der Polizei und Institutionen)
  • Missbrauch, Misshandlung
  • psychische Probleme, Krankheiten

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Ziele der Arbeit

 

grundsätzliche Ziele:

    • Sicherung der Grundversorgung

 

    • Gemeinsam mit den Jugendlichen positivere Lebensbedingungen zu schaffen und Lebensperspektiven zu entwickeln oder zu erweitern

 

    • Gesellschaftliche Benachteiligungen / Diskriminierungen und besondere Belastungen abzubauen oder auszugleichen

 

    • Soziale Handlungskompetenzen zu erweitern
    • Gesellschaftliche und individuelle Hilfepotentiale zu erschließen

 

    • Öffentliche Räume für die Zielgruppe zu erschließen, zu erhalten oder zurückzugewinnen

 

    • Die Akzeptanz gegenüber der Zielgruppe innerhalb der Bevölkerung zu fördern

 

    • Inhaltlich-fachliche und sozialpolitische Einmischungsstrategien zu entwickeln

(entnommen aus fachliche Standards Straßensozialarbeit)

 

Spezielle Ziele unserer Arbeit:

 

Unterstützung, Vermittlung und Begleitung bei:

    • Schulschwierigkeiten (Gespräche mit Eltern, Lehrern, Hausaufgabenhilfe)

 

    • Ausbildungsplatz- und Jobsuche (Bewerbungen schreiben, Jobbörse, Telefonate)

 

    • Jugendstrafrechtliche Schwierigkeiten (Kontakte zur JGH, zu AnwältInnen)

 

    • Unterstützende Hilfen bei Inhaftierungen

 

    • Einen selbstverantwortlichen Umgang mit Drogen und Sucht unterstützen (Aufklärung, Vermittlung)

 

    • Wohnraum sichern oder vermitteln (§5 Schein, Dringlichkeitsschein)

 

    • Behördenbegleitung (Arbeitsagentur, Grundsicherungs- und Sozialdienststelle, Ausländerbehörde)

 

    • Absicherung des Existenzminimums (Verschuldung verhindern, Wege aus Überschuldung)

 

    • Krisenintervention, Konfliktlösungen entwickeln

 

    • Stärkung der Mädchen (spezielle Mädchenangebote z.B. Mädchenprojekt REALU, Berufsfindungstage für Mädchen, Einzelangebote)

 

    • Serviceleistung

 

    • Lebensplanung

 

    • Parteiliche Interessenvertretung

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Grundsätzliche Arbeitssituation:

 

Lurup Zurzeit bieten wir den Jugendlichen eine Kombination von Beratungsangeboten und Kontaktaufnahmen auf der Straße an. Nach sechs Jahren hat sich die Einrichtung zu einem verlässlichen und stark frequentierten Angebot für die Jugendlichen vor Ort entwickelt. Kontakt besteht zu ca. 150 Jugendlichen, viele Kontakte sind sehr intensiv. Derzeitiger Schwerpunkt der Arbeit ist die Unterstützung bei Schul- Ausbildungsplatz und Jobsuche. Aber auch ALG 2 Anträge wurden seit der Umstellung immer häufiger.

 

Osdorf  Das Beratungsangebot wird von den Jugendlichen in hoher Zahl wahrgenommen. Die Einrichtung verfügt über zwei PC-Arbeitsplätze, an denen, die Jugendlichen ihre Bewerbungen schreiben können. Ein Internetanschluss ist vorhanden um den Jugendlichen einen Zugang zum Ausbildungsstellenservice der Arbeitsagentur und diversen Jobbörsen zu ermöglichen. Die Eskalationen und die tägliche Gewalt unter den Jugendlichen hat sich, seit wir die Arbeit aufgenommen haben, in der täglichen Arbeit und im Umgang miteinander, verringert. Unsere Präsenz führt dazu, dass die Jugendlichen, die sonst nur auf Misstrauen und Ablehnung stoßen (Hausverbot in fast allen Läden und Einrichtungen, Konflikte im Elternhaus, mit der Polizei, Schule, Gericht etc.) einen Ort haben an dem sie sich wohl fühlen, ihre Probleme regeln können und den sie für sich gestalten können. Die Jugendlichen werden beteiligt und in viele Entscheidungsprozesse einbezogen wie z.B. bei der Planung und Durchführung von Freizeitaktivitäten, der Tagesgestaltung, die Einrichtung und Renovierung der Räume, die Öffnungszeiten etc. Zurzeit haben wir Kontakt zu ca. 100 Jugendlichen.

 

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Arbeitsprinzipien von Straßensozialarbeit sind:

    • Freiwilligkeit

 

    • Anonymität

 

    • Keine Aktenführung

 

    • Akzeptanz

 

    • Niedrigschwelligkeit

 

    • Parteilichkeit

 

    • Flexibilität

 

    • Kontinuität

 

    • Aufsuchende Arbeit

 

    • Gemeinwesenorientierung/ Vernetzung im Stadtteil

Einige der wichtigsten Arbeitsprinzipien möchten wir hier genauer vorstellen:

 

Die Freiwilligkeit

 

Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Jugendlichen ist nur auf der Grundlage von Freiwilligkeit möglich. Diese Freiwilligkeit beinhaltet, dass die Entscheidung über die Kontakte und die weitere Zusammenarbeit von den Jugendlichen getroffen wird. Das bedeutet auch, dass die MitarbeiterInnen nur über persönliche, keinesfalls über strukturelle Autorität akzeptiert werden. Die Beziehungsarbeit zu den Jugendlichen spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Der Aufbau und die Pflege von tragfähigen Beziehungen zu den Jugendlichen und die Akzeptanz in der Szene ist eine wichtige Voraussetzung unserer Arbeit. Die Beziehungsarbeit zu den Jugendlichen verstehen wir als persönliches aber zugleich professionell gestaltetes und reflektiertes sich in Beziehung setzen zu den Jugendlichen.

 

Die Anonymität:

 

Im Umgang mit Informationen der AdressatInnen gilt das Prinzip der Verschwiegenheit gegenüber Dritten um den notwendigen Vertrauensschutz im Rahmen der gesetzlichen Grundlagen zu gewährleisten (SGB VIII § 65, SGB I § 35, und SGB X §§ 67 ff). Wir erheben grundsätzlich keine personenbezogenen Daten. Auf Wunsch können die AdressatInnen in der Beratung anonym bleiben. Wir erfahren sehr viel über einzelne aber auch über die Gesamtszene der Jugendlichen. Das Vertrauen, das uns entgegen gebracht wird, ist eine wichtige Grundlage für unsere Arbeit. Gespräche über Einzelfälle mit anderen Institutionen finden grundsätzlich und nur in Ausnahmefällen statt, wenn der/die Jugendliche uns die Erlaubnis dafür gibt. Eine weiter Ausnahme liegt bei einer Gefährdung des Kindeswohls bzw. einer Selbst- oder Fremdgefährdung vor. Daraus ergeben sich Kooperationen in Bezug auf den Einzelfall zum Allgemeinen sozialen Dienst, gesetzlichen Betreuern, Rebus, der Schule, der Kita u.a. Mit der Polizei und dem Jugendschutz arbeiten wir grundsätzlich nicht zusammen. Gespräche mit ihnen finden allenfalls innerhalb der Gremien über allgemeine Belange (z.B. Gewaltprävention) des Stadtteils statt.

 

Die Niedrigschwelligkeit:

 

Unsere Angebote können ohne Vorbedingungen und Vorleistungen in Anspruch genommen werden. Sie sind für die Zielgruppe leicht zugänglich und erreichbar. Wir müssen damit arbeiten, dass die Hilfesuchenden Beratungen abbrechen und sehr viel später mit derselben Problematik wieder anfragen, Termine nicht einhalten, kurzfristig absagen oder verspätet wahrnehmen, Fragen falsch oder nicht beantworten, eine Vielzahl von miteinander verknüpften Problemen benennen. Wir unterstützen die Jugendlichen dabei Eigenverantwortung zu üben und ihre Probleme zu lösen.

 

Die Parteilichkeit und Akzeptanz:

 

Wir folgen in unserer Arbeit den Interessen der Jugendlichen. Wir sind zuständig für die Probleme die die Jugendlichen haben und nicht für die Beseitigung der Probleme, die sie verursachen. Durch Gespräche, Befragungen und Diskussionen erfahren wir von den Bedürfnissen der Jugendlichen. Wir unterstützen sie dabei ihre Interessen zu erkennen und umzusetzen. In den Stadtteilgremien setzten wir uns für ihre Belange ein. Unter Akzeptanz verstehen wir eine humanistische akzeptierende Haltung gegenüber den Jugendlichen, die natürlich nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln ist. Wir können nur einen Zugang zu den Jugendlichen finden, wenn wir ihre individuellen Vorstellungen, Lebensentwürfe und Strategien akzeptieren und annehmen. Gerade dies ist die Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit ansonsten stigmatisierten und ausgegrenzten Personen. Unser Ziel ist die Stärkung ihres eigenverantwortlichen Handelns. Unsere Haltung drückt sich im persönlichen Umgang mit den Jugendlichen auch in Konfliktsituationen aus. Ziel unserer Arbeit ist die Kommunikation mit den Jugendlichen. Auch in Konflikten grenzen wir Jugendliche nicht durch Hausverbote oder ähnliche Sanktionen aus, sondern wir versuchen den Dialog mit ihnen immer wieder herzustellen. Diese erfordert ein hohes Maß an Eigenreflexion und Absprachen im Team um sowohl im Umgang mit den einzelnen Jugendlichen, als auch in bestimmten Konflikten im Sinne unseres Konzeptes und unseres Arbeitsauftrages adäquat zu reagieren. Die Mitarbeiterin der Streetwork führt diese Art von Konfliktregelungen auch in anderen Jugendeinrichtungen durch.

 

Die aufsuchende Arbeit als Methode:

 

Ein wesentliches Merkmal unseres Arbeitsansatzes ist die aufsuchende Arbeit. Die aufsuchende Arbeit ist eine Methode um die Jugendlichen zu erreichen, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, unsere Angebote bekannt zu machen und durch gewonnenes Vertrauen und Bekanntheit in der Szene einen Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen. Nur durch diesen Zugang ist es uns möglich ungünstig verlaufende Lebensbiographien zu beeinflussen und den Jugendlichen Beratung, Hilfe, Begleitung und Unterstützung bei ihren Problemen anzubieten. Die aufsuchende Arbeit dient also letztlich immer wieder dazu den Zugang zu den Angeboten der Straßensozialarbeit zu ermöglichen und aus den Kontakten entstehen in der Regel Arbeitsaufträge an uns. Wir entwickeln gemeinsam mit dem Jugendlichen eine Perspektive um persönliche Krisen zu überwinden, die materielle Grundversorgung abzusichern, existentielle Bedrohung abzuwehren, berufliche und schulische Integration und Qualifikation zu ermöglichen und die Teilnahme an sozialem und kulturellen Geschehen zu ermöglichen. Die Straßensozialarbeit Lurup/Osdorf begibt sich an die Treffpunkte der Jugendlichen.

    • Wege, Plätze, Innenhöfe

 

    • Einkaufspassage Lüdersring

 

    • Kneipe, Imbiss, Billardcafe

 

    • Netzeplatz Flüsseviertel

 

    • Sportplätze, Spielplätze

 

    • Jugendtreffs, Mädchentreff , Mädchenkeller, Häuser der Jugend

 

    • Disco im HdJ Osdorf

 

    • Bahnhof Elbgaustrasse

 

    • Borncenter

 

    • Sportpoint Osdorf

Weiterhin nehmen wir Kontakt zu Luruper und Osdorfer Jugendlichen im Krankenhaus, in der Haftanstalt, und in der Psychiatrie auf. Die aufsuchende Arbeit können wir kennzeichnen als Kontakte die entweder offensiv zugehend oder defensiv abwartend hergestellt werden. Grundlage unserer Arbeit sind Freiwilligkeit, Verschwiegenheit in Bezug auf vertrauliche Informationen durch Jugendliche, Lebensweltorientierung, Anonymität und Akzeptanz. Aufsuchende Arbeit hat nichts mit „Kontrollgängen“ im Stadtteil zu tun. Jugendliche die sich im öffentlichen Raum treffen, werden von der Bevölkerung oft als Bedrohung wahrgenommen, da sie Plätze besetzen, die nicht zum verweilen gedacht sind. Wir als Strasos vertreten die Ansicht, dass Jugendliche das Recht haben sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, sich zu treffen und die Straße als Kommunikations- und Ort des Erlebens zu nutzen. Die Kontaktaufnahmen zu Jugendlichen entstehen häufig durch Mundpropaganda. Wir suchen aber auch Orte auf um im Stadtteil präsent zu sein, ggf. neue Bedarfe bei Jugendlichen zu erkennen und festzustellen ob ihre Bedürfnisse durch Einrichtungen vor Ort abgedeckt werden können. Die aufsuchende Arbeit bedarf einer Sensibilität, da die Jugendlichen nicht ständig unter Beobachtung und Betreuung durch Erwachsene stehen wollen. Wir vermitteln bei Konflikten die zwischen den Jugendlichen bestehen, aber auch zwischen ihnen und Anwohnern, Gewerbetreibenden, anderen Jugendtreffs etc.. Ziel unserer Arbeit ist ein gewaltfreies Miteinander im Stadtteil zu ermöglichen. Das bedeutet, dass wir die Jugendlichen dahingehend fördern, dass sie sich mit ihrer eigenen Person und ihrem Umfeld konstruktiv auseinandersetzen. Die Gewaltbereitschaft und das aggressive Verhalten vieler Jugendlicher ist immer im situativen Kontext, in dem die Gewalt angewendet wird, zu sehen. Wir erarbeiten gemeinsam mit den Jugendlichen Konfliktlösungsmöglichkeiten, die sie annehmen können. Unsere Einrichtung und wir als Strasos sind im Stadtteil sehr gut bekannt und unsere Angebote werden intensiv genutzt. Wenn die Zahl der Jugendlichen die aktiv unser Angebot nachfragen zurückgeht, weil sich Lebenssituationen z.B. durch die Integration in die Arbeitswelt stabilisiert haben, erhöhen wir automatisch den Anteil aufsuchender Arbeit um neuen Jugendlichen den Zugang zu unseren Angeboten zu ermöglichen. Für die aufsuchende Arbeit sind außerdem Klima- Tages und Jahreszeiten zu berücksichtigen.